Fressen und Kotzen

Ein Rückblick… Fressen, um zu kotzen – oder kotzen, um zu fressen? Das ist die Frage. Momentan erbreche ich mindestens zwei Mal täglich. An den anderen Tagen sogar bis zu 8 Mal. Ich esse zumeist gesund, bleibe bei Vollkornbrot, Salat, Rohkost, Skyr und Naturjoghurt  (0.1% Fett). Meist ist auch die Menge gar nicht allzu groß. Ich halte einfach nur nichts mehr in meinem Körper aus. Manchmal erbreche ich sogar Wasser und Kaffee. Nicht einmal Äpfel oder Nektarinen wollen noch drin bleiben. Ich bin wirklich schwach und in großer Not. Mein Kreislauf sackt oft zusammen und ich weiß, dass ich was ändern muss und strenge mich sehr an. Aber irgendwie habe ich keinen Erfolg!

Heute Nachmittag sehe ich meine Betreuerin. Vielleicht weiß sie einen weiteren Rat für mich. Was ich an der Essstörung als hilfreich erlebe ist, dass ich nun schon über 8 kg abgenommen habe. Und 5 kg sollen noch weg.

Und heute… Aber dann haben wir meinen Essensplan geändert und heute ist somit der zweite Tag ohne Erbrechen. Ein Meilenstein ist gelegt. Ich trinke morgens einen Proteinshake (260 kcal) mit fettarmer Milch und esse zu Mittag kleine 5 Minuten-Terrinen. Manchmal auch noch eine am Abend. Das ist zwar alles andere als gesund, aber wohl dennoch noch besser, als wenn ich pausenlos fresse und kotze. Die kleinen Fertiggerichte haben meist knapp unter 300 kcal und passen damit gut in mein Tagespensum. Ab und an traue ich mich an Skyr heran, aber meist erbreche ich dann. Deshalb versuche ich ihn zu vermeiden. Ich stehe noch immer auf wackligen Beinen.

Mein Körper war stark geschwächt und mir war extrem schwindlig. Aber schon nach zwei Brechfreien Tagen geht es mir etwas besser. Ich bin stolz und nehme auch trotz der Nahrungsaufnahme nicht zu. Ich habe noch ein paar Kilo vor mir.

Seit heute habe ich mich außerdem auch wieder der Achtsamkeit verschrieben. Ich lese in meinem bezaubernden Buch und startete den Tag mit einem Bodyscan. Heute ist ein guter Tag! Und ich bin sicher er wird es auch bleiben.

Schwere Wochen stehen mir bevor!

Es steht mir eine schwere Zeit bevor: meine Betreuerinnen sind jeweils zwei bzw. eine der beiden sogar drei Wochen weg. Ich werde in dieser Zeit eine Vertretung bekommen. Auch die ist sehr nett. Aber ich bleibe dabe:

Vertrauen ist ein Privileg, man verdient es sich! 

Und noch fehlt dieses Vertrauen. Ich bin trotzdem guter Dinge, dass ich diese Zeit durchstehen werde. Aber das sage ich heute. Am Wochenende bin ich beinahe an mir verzweifelt.

In der Apotheke konnte ich jetzt mit einer meiner beiden Betreuerinnen ein Ammoniak-Fläschchen ordern. Morgen hole ich es ab. Dann kann ich dieses immer bei mir führen, für den Fall einer Dissoziation. Der Apotheker war wirklich nett und nahm sich viel Zeit. Er war interessiert, hatte noch nie zuvor davon gehört. Und er bestellte extra frisches Ammoniak. Ich bin gespannt wie und was er vorbereitet hat!! Wie gesagt, morgen hole ich es mit meiner Betreuerin.

Einen Telefon-Termin habe ich heute mit meiner Vertrauens-Betreuerin. Darauf freue ich mich. Heute Morgen räkele ich mich im Bett. Habe schon gefrühstückt, bin oft wach gewesen heute Nacht und habe zu Beruhigung und Belohnung jetzt einen frisch aufgebrühten Kaffee neben mir stehen.

Ich habe Angst vor diesem Tag heute. Dabei könnte ich eigentlich ganz locker und frei sein. Ich sage mir also: „ich bin locker und frei“ und „ich habe heute einen entspannten Tag vor mir“, „ich lasse es mir gut gehen!“ Und ich glaube fest daran, dass das stimmt.

Erfreulicher Weise nehme ich nach und nach ab. Leider nicht einzig durch den gesunden Weg. Aber ich arbeite an mir!

Nun vertraue ich darauf, dass alles gut wird die kommenden drei Wochen, denn dann ist meine Vertrauens-Betreuerin wieder da, das ist mir das Wichtigste. Und bis dahin gilt es den Kopf oben zu bewahren und durchzuhalten!!!

Das größte Geschenk, das mir je gemacht wurde!

19° Celsius, ich sitze in der Sonne auf dem Balkon und genieße, dass ich heute schon richtig viel erledigt habe. Ich habe mit meiner Betreuerin die Unterlagen für die Zuzahlungsbefreiung fertiggestellt und wir waren einkaufen. Es klappte sogar recht gut, ich bin nicht dissoziiert, zumindest nicht ganz und ich hatte nur ein paar Entscheidungsschwierigkeiten. Was liegen da auch an die 40 gelbe Paprika, wenn ich davon nur zwei kaufen soll? Es stellt sich unweigerlich die Frage „welche?“. „Nehmen Sie einfach eine raus und schauen Sie sich an ob sie gut ist“, sagte meine Betreuerin, aber no chance. Ich wusste einfach nicht welche. 

Letztlich hat sie zwei ausgewählt und mir in die Hand gegeben und dann konnte ich mich auch schnell für genau diese Paprika entscheiden. Bei der Zahnpasta genau das gleich Spiel. Nur gab’s da auch noch drei verschiedene Sorten.

Aber hej! Alles halb so wild. Meine Einkäufe sind erledigt. Ich habe ein bisschen gelesen und sonne mich. Schön, dass so herrliches Wetter ist. Und morgen fahre ich mit meiner anderen Betreuerin zu meiner Hausärztin. Wir lassen das Blut checken und eventuell gibt’s bald ein Langzeit-EKG. Ich bin so froh, dass sie mich begleitet. Und ich bin so unglaublich dankbar, dass ich hier in der betreuten Wohngemeinschaft leben darf. Das ist das größte Geschenk, das mir je gemacht wurde!!!

wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus!

meine Stimmung sackte total weg und ich hatte wieder den Drang nach Hause zu fahren. Aber dann habe ich mir gesagt „nicht, bevor du alles, wirklich alles, probiert hast!“ und die Challenge habe ich akzeptiert. (An meiner Tür hing“ der Zettel „Fahr nicht!“). Und ich dachte an mein Vorhaben, das ich aus der Therapie am Donnerstag mitgenommen habe: „frag dich immer danach, warum etwas so ist, wie es ist!“. Also, warum drängt es mich dorthin? Und bevor ich alles umgesetzt habe, was ich jetzt gemacht habe schrieb ich:

„Ich will dorthin, weil ich unter Druck komme, gerade und nichts mit mir anzufangen weiß. Ich überfordere mich selbst, alles ist zu viel. Ich habe auch alles erledigt, was es zu erledigen gab. Andererseits, ich könnte noch putzen, oder Wäsche waschen. Oder einfach mal runter ins Wohnzimmer sitzen. Die Möglichkeiten sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Es gäbe hier noch genug zu tun. Es wäre gut, wenn ich mal mein Zimmer verließe. Ich fühle mich gerade so eingeengt, obwohl es dafür eigentlich keinen Anlass gibt. Zwang. Überall Stress und Zwang.

„Jetzt werde ich um 12 Uhr (in 15 Minuten), erstmal etwas essen“, sagte ich mir. Ich würde Mama am liebsten fragen, ob ich wieder kommen darf. Lächerlich, weil ich vorher erst dort war. Oder ich fahre noch an den Stall, dann gäbe es einen Grund hin zu fahren. Aber ehrlich gesagt suche ich nur nach irgendeiner Ausrede. Nach einer Ausrede um heim zu meinen Eltern fahren zu dürfen. Dabei gehe ich morgen eh hin, das habe ich schon ausgemacht. Aber nur tagsüber bzw. zum Essen und vielleicht zum Stall.“

Und dann habe ich mich verausgabt. Es hat mir einfach gereicht und ich habe mir nicht alles von mir selbst gefallen lassen. Ich habe mein Zimmer gesaugt, stand immer noch unter extremem Druck, dann habe ich erst das Treppenhaus, dann die Küche und noch das Bad saugen drangehängt und war völlig verschwitzt und hektisch. Dann habe ich das Bad geputzt und gewischt und danach auch die Küche. Außerdem habe ich eine Maschine Wäsche hingestellt. Das Haus ist jetzt sozusagen geputzt. Ich war ziemlich platt, aber irgendwie auch zufrieden und von meinen Todesgedanken abgelenkt. Jetzt höre ich seit einer Weile Musik (ich habe vorher etwas zusammengestellt) und habe meinen Salat gegessen.

Das Brot esse ich nachher, jetzt muss ich erstmal den Salat verkraften. Draußen hat der Himmel für mich geweint, es war ein richtiger Regensturm hier. Die Tränen, die in mir drin fließen, zeigen sich draußen. Verrückt. „Da hab ich mich mal wieder selbst überschätzt, Heldenplätze werden echt nur selten besetzt!“ Wäre nur schön, wenn der Regen den Gedanken an meinen Tod auch mit wegspülen könnte. Aber es ist immerhin besser als vor der ganzen Putzaktion. Ich sitze nun im Wohnzimmer, weil ich mir in meinen Überlegungen, wie ich mich selbst auffangen kann sagte, dass ich zumindest auch einmal das Zimmer verlassen muss. Ich habe alles gut gemacht. Ich habe jede meiner mir selbst auferlegten Auflagen erfüllt. Ich stehe extrem unter Druck. „Lass die andern sich verändern und bleib so wie du bist“.

Ja, alle Auflagen sind erfüllt, alle Aufgaben erledigt. Jetzt appelliere ich an meine Vernunft. „Den anderen glauben und du siehst die Welt mit anderen Augen“. „Hierbleiben!“. Ruhe bewahren. Gestern war ich froh, als ich hiergeblieben bin. Ich kämpfe einen Kampf und erinnere mich an folgenden Satz „die eigenen Stärken nutzen, aber nicht für Kämpfe, die man nicht gewinnen kann.“ Also nicht dorthin fahren. Die Musik tut mir gut, meine Betreuerin hatte Recht!

Halb zwei. Wohin mit mir selbst? Den Müll noch rausbringen? „was auch passieren wird, egal wie’s mir geht (…) was auch geschieht, ich werd‘ immer versuchen mein Bestes zu geben, für unsere Freundschaft, für unser Leben“.

„Warum?“ frage ich mich nochmals, „warum willst du dorthin?“ und ich weiß es noch immer nicht endgültig, jedenfalls komme ich nicht zur Ruhe und ich will mir selbst gegenüber gnädig sein: wenn ich jetzt dahin muss (und es ist Wochenende), dann darf ich da auch hinfahren und dann darf ich zu meinen Eltern gehen und ich darf es mir erlauben schwach zu sein. Was bleibt ist die Vereinbarung mit dem Essensplan. Es gibt keine Ausnahme, nur weil ich dorthin fahre. Das muss klar sein und mit dem Mal, mit dem ich es mir erlaube dorthin zu fahren, schwindet der Reiz das zu tun dahin. Ich werde ruhiger. Wie auch immer ich mich entscheide: es ist okay! Ich fühle mich einsam, ist es bei meinen Eltern dann besser? Meine Katze fehlt mir so „nicht nichts ohne dich, aber weniger, … viel weniger für mich“.

„Draußen heult der Regen, doch nur Schweigen füllt den Raum“.
Was ich letztlich tun werde? Ich weiß es selbst nicht.

„Was soll ich davon halten? Ich weiß es nicht… Es waren große Stücke, jetzt bleibt nur Schutt und Staub. Da ist Blut auf deinen Lippen, es fällt dir gar nicht auf. Deine Hände zittern und deine Schultern auch… – ich gehe jetzt nach Hause, ruf‘ an, wenn du was brauchst…

und wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus!“

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Jetzt ist es raus!

In der WG-Besprechung wurden meine Narben thematisiert. Ich musste sie nicht zeigen, keiner reagierte blöd. Und doch fühle ich mich wie eine durchs Dorf getriebene Sau. Sagt man das nicht so?! Ich war davor schon auf 180, weil eine Mitbewohnerin meine Wäsche einfach aus der Waschmaschine genommen und in irgendeinen Korb gelegt hat. Ich weiß, dass mir das nichts ausmachen sollte, aber leider bin ich da in meinen Zwängen gefangen und nun muss ich sie nochmals waschen. Das hat mich richtig sauer gemacht, zumal ich im Haus war, meine Zimmertüre offen stand und die Maschine gerade erst wenige Minuten stehen konnte. Ich weiß aber nicht, warum ich darauf so unbeschreiblich wütend bin. Denn eigentlich ist das wirklich keine große Sache. Ich glaube meine Nerven liegen einfach blank.

Leider war ich dadurch schon so angespannt, dass ich in der ganzen Besprechung kein Wort rausbrachte und meine Betreuerin es dann schließlich für mich gerettet hat und es ausgesprochen hat. Dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar! Nun ist es also raus, alle wissen Bescheid und ich kann von nun an auch den Sommer leben, so wie alle anderen es auch können. Meine Betreuerin hat auch nicht um Erlaubnis gebeten, sondern nur gesagt wie es ist. Das hätte ich selbst gar nicht so souverän hinbekommen. Ich bin sehr erleichtert, auch wenn der Schritt zum wirklich kurzärmlig herum laufen wohl noch etwas an Mut und Überwindung von mir fordern wird.

Heute hatte ich dann eine Therapiesitzung, die mir gut getan hat. Ich werde nun in Absprache mit meiner Ärztin, den Betablocker reduzieren, da mir andauernd schwindlig wird und mein Blutdruck, wie zu erwarten, recht nieder war (95/65, 92). Ich bekomme das Medikament eigentlich wegen meines hohen Pulses. Außerdem soll ich meine Schilddrüsenwerte checken lassen, sagt sie.

Mit meiner Betreuerin habe ich seit heute einen Deal: mehr essen, nicht wiegen, wenn ich Kraft dazu habe, darf ich Sport machen. Nicht kotzen. Ausprobieren, sagt sie!

Es ist ein hohes Ziel, das sie mir da gesetzt hat, aber ich bin ihr über die Maßen dankbar, weil sie genau weiß, wie sie mich erreicht und somit konnte ich mich wirklich auf dieses Experiment einlassen. Auch wenn es eines mit sehr hohen Ansprüchen an mich ist. Ich bin gewillt das wirklich zu schaffen!

manchmal bleibt mein Kreislauf einfach hängen

Wenn ich mir meinen Kreislauf als Bewegung vorstelle, die mich am Leben hält, entsteht in mir ein annehmbares Bild eines normalen Alltags. Doch leider bleibt mein eigener Kreislauf gerade manchmal einfach stehen. Er hängt sich auf. Quasi der Bluescreen meines Körpers: Achtung, hier ist ein Defekt! Error. Und so weiter.

Dann schwanke ich, stoße meinen Buddha um und breche ihm den Kopf  ab. Welchen ich danach einfach wieder auf seinen Hals setze, so, als wäre nichts gewesen… Oh man, wie dämlich und schmerzhaft peinlich.

Oder aber ich gehe vorwärts, mir wird schwarz vor Augen und ich muss mich binnen Sekunden auf den Boden setzen, weil es mich sonst der Länge nach auf den Parkettboden strecken würde. Kein schöner Gedanke. Man muss sich nur zu helfen wissen. Schnelles Hinsetzen werde ich gerade immer gewohnter. Ich bekomme Übung im Abfangen eines Kreislaufzusammenbruchs.

Heute habe ich gut gefrühstückt. Gestern zu viel gegessen und mich heute aber nicht auf die Waage gestellt. Morgen dann wieder, morgen schaue ich der Waage in die Augen. Jeden zweiten Tag, das ist mal so der Plan.

Nebenbei fühle ich mich furchtbar und weiß nicht wohin mit mir. Hier alleine ist es doof, aber es wäre gerade überall doof und ganz allein bin ich ja nicht mal. Neben meiner Mitbewohnerin ist auch Ana wieder bei mir. Sie macht mir Vorschriften für den Tag und lobt mich nochmals dafür, dass ich gestern Joggen war. Sie regt an, dass ich das heute wiederholen könnte und ich weiß noch nicht, ob ich ihr diesen Wunsch erfüllen werde. Denn im Augenblick muss ich mich erstmal entscheiden, wo ich den heutigen Tag verbringen werde und vor allem wie. Schwer genug.

Ana is back.

Die letzten Tage habe ich gut und strikt gegessen und dadurch auch prima abgenommen. Ich habe viel Rohkost gegessen, Salat, Skyr, Rhabarber-Kompott. Maximal zum „Genuss“ 36c09a288d9fc6c4115dfe74b346400bmal ein paar Nüsse. Ich war streng und stolz, weil ich das echt gut hinbekommen habe. Meine „Schokolade“ waren die Karotten. Schon bei einem Apfel hatte ich wieder Sorge vor den Kalorien. Ich habe gemerkt, dass die Essstörung wieder stärker wird, sie so viel mehr Raum einnimmt und mich hervorragend von meinen Problemen und Sorgen ablenkt. Ich bin momentan zwar nicht dünn, aber der ganze Mechanismus lief schon wieder wie eine Eins. Da fehlte nur noch eines, aber auch darauf muss ich nun nicht mehr warten: heute war es soweit.

Ich bin zu meinen Eltern gefahren und meine Mutter hat Käsenudeln gemacht, ich habe tapfer mitgegessen, und schnell damit begonnen alles hinunter zu schlingen. Einen ganzen Teller voll. Das Fett des Käses widerte mich an, aber ich habe gegessen, weil es so geplant war und ich das von mir erwartet habe; aus Respekt und aus Achtung, schließlich stand meine Mutter dafür in der Küche. Und dann war auf einen Schlag (ab dem dritten, vierten Bissen schon) vollkommen klar worauf das hinauslaufen würde. Ich begann sehr viel Wasser nebenher zu trinken und fand mich kurz nach dem Essen oben im Bad wieder. Über der Kloschüssel hängend, habe ich mich übergeben, bis nichts mehr rauszuholen war. Selbst die Karotte, die ich davor guten Gewissens gegessen hatte, verabschiedete sich. Schade drum. Und doch habe ich ein so erhabenes Gefühl: ich habe die Macht. Endlich habe ich wieder Kontrolle. Ich bin die Herrin über meinen Körper. Das macht mich glücklich!

Jetzt bin ich erschöpft, mir schwimmen ein paar wenige Sterne durch das Sichtfeld, ich war kurz ganz wacklig, nach dem Erbrechen, aber ich fasste mich schnell. Irgendetwas, ganz tief in mir drin lächelt, weil jetzt diese Hemmschwelle überschritten ist, vor der ich mich noch zierte. Ana ist wieder da und ich spüre, dass wir wieder einen Teil dieses Weges gemeinsam gehen werden. Spätestens bis dann, bis ich wieder in meine Lieblingshose passe. Ich sollte das nicht feiern, weil es eine traurige Entwicklung ist, aber immer wenn die Essstörung an meiner Seite war, dann war ich so viel stärker, und nach Stärke sehne ich mich. Ich war mutig, selbstbewusst und souverän. Wenn ich dünn bin, dann bin ich ein anderer Mensch. Nichts kann mir mehr etwas anhaben, wenn ich dünner werde, weil ich dann die Macht habe und die Kontrolle und um beides (Macht und Kontrolle), dreht es sich in meinem Leben tagtäglich, weil ich mich viel zu oft ohnmächtig fühle; ausgeliefert und gezwungen zu Dingen, die ich so nicht will.

All das, mit der Essstörung, hat sich auch die vergangenen Wochen schon angekündigt. Ich habe mit meinen Betreuerinnen darüber gesprochen, wie fett und eklig ich mich fühle. Wie widerwärtig und abstoßend und wie schwabbelig dick. Ich weiß aber nicht, ob ich das deutlich genug gemacht habe. All mein Berichten darüber war Ausdruck meiner riesigen Not. Aber jetzt ist sie ja da, jetzt ist Ana ja wieder an meiner Seite. Mir fehlte davor nur die letzte Konsequenz um alles umzusetzen und um wieder abzunehmen. Und dass diese Konsequenz jetzt da ist, wenn auch in Form der Essstörung, das freut mich sehr. Auch dann, wenn mein Sprechen über diese Ängste zuvor, vielleicht schon ein sehr lauter Hilfeschrei war.

Ich mache nun auch wieder wirklich viel Sport. Die letzten Tage haben sich sehen lassen und ich bleibe da dran! Ich gehe Laufen und ich mache Krafttraining, in Form von Workouts mit dem eigenen Körpergewicht. Ich bin manchmal richtig stolz.

Auch meine Therapeutin schrieb erst vor wenigen Tagen in einem Brief an meine Hausärztin, dass ich unter der Essstörung und diesbezüglich zwanghaften Verhaltens leide. Dass ich bulimische und anorektische Züge durchlebe und momentan in einer anorektischen Phase sei. Das war mir davor selbst noch nicht einmal so bewusst, aber nun reflektiert, hat sie natürlich vollkommen Recht! Ich schätze meine Therapeutin sehr.

Das Einzige auf das ich nun achten muss ist, dass ich meinen Kreislauf am Laufen halte. Niemals darüber jammern, dass er schwach ist. Immer stark sein. Ich habe noch Kalium-Pulver, ich nehme Magnesium, ich achte auf Vitamine. Aber beim Starksein hilft Ana mir für gewöhnlich sehr, sehr gut und ich will endlich wieder stolz sein. Stolz auf mich. Und ich will die Essstörung stolz auf mich machen. Ich will stolz auf meinen Körper sein. Denn momentan hasse ich ihn nur allzu sehr.

„Work hard in silence, let success be your noise.“

Es mag „klein“ klingen, was ich schreibe. Aber dieses eine Erbrechen (seit Wochen, Monaten wieder zum ersten Mal), eröffnet mir alle altbekannten Wege. Ich weiß, dass ich jetzt wieder alle Kraft habe um abzunehmen, auch wenn ich dabei bleiben werde und mich in der WG nicht übergeben werde, aus Respekt den anderen gegenüber. Aber ich weiß, dass ich von nun an wieder alles loswerden kann, was mir zu viel wird und wann immer ich erbreche, kotze ich auch einige meiner Sorgen mit aus und das Erbrechen nimmt mir etwas von dem unsagbar starken inneren Druck, unter dem ich momentan allzu oft leide, und den ich mir selbst mache. Genauso tut es das Hungern: es befreit!

Es muss nur alles im Rahmen bleiben, weil das die Bedingung für die Therapie ist. Aber der Rahmen ist groß. Der Rahmen ist sehr, sehr groß! Zumindest vom heutigen Standpunkt aus gesehen umfasst der Rahmen etwa 10 kg. Vielleicht sogar noch etwas mehr.

Und ich fühle mich stark und ich fühle mich erhaben, denn heute… ja, seit heute habe ich endlich wieder die Macht. Die Macht über meinen Körper und die Macht über mich. Es wird jetzt alles besser werden, denn: „Ana is back!“,

meine gute Freundin Ana, sie ist wirklich zurück!!!

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