Das bisschen Haushalt…

„Das bisschen Haushalt“, das in einer fünfer WG so anfällt ist manchmal gar nicht so wenig. Wenn ich ein Wochen Resümee ziehe, habe ich 4 x die Spülmaschine angemacht und anschließend ausgeräumt, habe 2 x die WG-Wäsche (Handtücher etc.) gewaschen und 2x die Arbeitsfläche gereinigt, was nicht zu meinen Aufgaben zählt, aber notwendig ist, wenn man sich in halbwegs sauberer Umgebung einen Kaffee kochen möchte.

Ich habe darüber hinweg gesehen, dass andere Mitbewohnerinnen ihre Dienste vernachlässigen oder schlichtweg gar nicht machen und meiner Mitbewohnerin „A.“ dabei zu gehört wie sie sagt, dass sie allen Haushalt immer vor sich herschiebt, weil sie das so ungern macht. („So ist das also“, denke ich im Stillen).

Ich möchte eine saubere Küche haben? Dann muss ich mich auch selbst darum kümmern. Leider. Ich höre mich dann immer sagen „hej, Fräulein Voni, so ist das eben in einer WG“, aber dann fällt mir wieder ein, dass wir keine „normale WG“ sind, sondern alles Menschen mit Hilfebedarf und dass auch unter diesen Umständen Dienste einfach erledigt werden müssen vielleicht sogar genau wegen dieser Umstände. Notfalls mit Hilfe. Aber niemals gar nicht, denn wenn man zu fünft auf engem Raum lebt und 4 von 5 Bewohnern sagen „sie haben keinen Bock“, läuft irgendwas falsch. Und um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: wir alle können das. Der Hilfebedarf liegt eigentlich nicht im Erledigen kleiner Dienste.

Ein weiterer meiner Dienste ist die Müll-Entleerung. Ich bin dafür zuständig den Müll aus dem Haus raus zu bringen und ebenfalls dafür da, die Tonnen zur Leerung an die Straße zu stellen. Flach. Rund. Restmüll. Ein aufwendiger Dienst, da ich täglich mehrmals kontrolliere wie voll die Mülleimer sind und sie gegebenenfalls gleich rausbringe und neue Mülltüten aufspanne. Aber ich mag diesen Dienst, auch wenn er aufwendig ist. So muss ich den anderen nicht hinterherwischen (was in der Küche der Fall wäre). Und so putze ich, wenn ich mir einen Kaffee koche, einfach ein kleines Eck ganz sauber und stelle meine Sachen nur in dieses gereinigte Quadrat. Albern? Ich brauche das so!

Zu diesem „bisschen Haushalt“ kommt dann noch mein Zimmer, das ich täglich sauge, mindestens jeden zweiten Tag abstaube und etwa einmal die Woche (manchmal öfter) nass rauswische. Seit ich meinen eigenen Raum habe, ist mir Sauberkeit und Ordnung sehr wichtig. Erst vor ein paar Tagen habe ich auch wieder alles ein wenig umdekoriert und ich liebe mein Zimmer jetzt wieder viel mehr. Mein Zimmer gibt mir Sicherheit. Hier bin ich zuhause und hier bin ich sicher und ich kann alles so sauber halten, wie ich mir das für mich wünsche! Ein Traum.

Fazit: auf die Erledigung der Dienste durch meine Mitbewohnerinnen ist kein Verlass. Wenn ich es sauber haben möchte, mache ich es selbst und das ist gerade auch okay so für mich. Ich bin mit meinen Diensten zufrieden, möchte aber die Spülmaschine auch mal nicht entleert stehen lassen können, es aussitzen, bis jemand anderes, ganz vielleicht, auf die Idee kommen könnte „huch! Fräulein Voni macht es ja doch nicht jedes Mal alleine“. Die Mühe die mir dabei entsteht ist, dass ich sauer werde, weil sich niemand gleich kümmert und das zeitnah in Angriff nimmt und dann sind mir meine, ohnehin flattrigen Nerven wichtiger und ich mach’s schnell selbst.

Wie hat meine Therapeutin immer gesagt: „Fräulein Voni, machen Sie das nicht zu oft, die anderen gewöhnen sich daran!“ Und Recht hat sie behalten.

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Hirnfrost! eine Geschichte aus dem betreuten Wohnen

Unsere WG vom ambulant betreuten Wohnen (ABW) ist in einem alten Haus. Es ist klein, etwas in die Jahre gekommen aber unheimlich nett und irgendwie empathisch süß.

Wir leben hier, seit kurzem zu fünft und haben untereinander verschiedene Arten des Kontakts. Mit dem einen macht man mehr und mit dem anderen weniger. Wie das in einer WG eben so ist – ambulant betreutes Wohnen hin oder her.

Gestern hatte dann unser Wasserboiler in der Küche ein Leck und alles stand unter Wasser. Zum Glück war meine Lieblingsbetreuerin noch im Haus, die alles blitzschnell in die Hand nahm und die Handwerker bestellte. Sie berichtete, dass die Dame am Telefon sagte „ich weiß nicht ob da heute noch jemand vorbei kommt“ und meine Betreuerin zu ihr sagt „ich will nicht wissen ob, sondern wann“ (ist sie nicht spitze!?!) und auf einmal war es möglich, dass eine Stunde später ein Techniker vor der Tür stand und sich der Sache annahm. Der Mann leitete alles Wasser aus dem 200 l umfassenden Tank in den Garten ab, so dass wir vom Aufwischen und Auswringen der klatschnassen Handtücher erst einmal befreit waren.

Konsequenz der ganzen Sache war der Verdacht darauf, dass die Heizungen kalt bleiben (was zu unserem Glück nicht der Fall ist) und dass wir nur kaltes Wasser zur Verfügung haben (was tatsächlich so kam). Die Ersatzteile sind bestellt, aber es kann durchaus eine Weile dauern, für dieses uralte Gerät, etwas zu ordern.

So kam es also, dass ich heute über der Wanne stehend, meine Haare gewaschen habe und er dann kam: der Hirnfrost. Für einen kurzen Moment zog diese Eiseskälte so sehr in mein Inneres, dass ich ganz gelähmt war. Hinterher war das Haareföhnen dafür umso schöner und nun sitze ich bei einer Tasse Kaffee und leichten Kopfschmerzen, aber mit ordentlicher Frisur, in der Küche und genieße den Start in meine Urlaubswoche.

And I’m proud of that.

Weinend bin ich um 1 Uhr aus einem furchtbaren Alptraum aufgewacht. Meine Augen schmerzen, weil ich so sehr weinen musste. Noch immer weinend, sitze ich nun bei einem Kaffee in der Küche, höre Musik und versuche mich irgendwie zu beruhigen. Leider gelingt mir das kaum. Ich bin gerade so einsam mit diesem Schmerz.

Am liebsten würde ich jetzt lang und heiß duschen. Es stellt sich aber die Frage, ob das für meine vier Mitbewohnerinnen nicht zu laut ist, immerhin ist es noch nicht einmal 3 Uhr am Morgen. Hinzu kommt leider, dass ich mich gestern selbstverletzt habe und dann ist das immer die Frage, ob es den noch recht frischen Schnitten wirklich gut tut, sie mit Wasser in Berührung kommen zu lassen.

Gestern Nachmittag kam ich nicht mehr klar. Ich war mir sicher es ohne Erbrechen zu schaffen. Ich habe gekämpft wie eine Löwin und bin dann doch wieder eingebrochen. Der Betreff der E-Mail an meine Lieblingsbetreuerin (mit der angehängten Verhaltensanalyse) lautete nur aufgebend „ach was soll’s“. Ich verfiel erst in Starre und dann schnitt ich mich; Den linken und rechten Unterarm, sowie meinen linken Oberarm habe ich verunstaltet. Ich habe alles gut versorgt und es war nicht nahtpflichtig, worüber ich echt froh bin. Ich möchte das nicht mehr.

Mein Wochenende war schwierig. Die Essstörung war sehr präsent. Und heute Morgen geht es mir nach diesen schrecklichen Alpträumen seit langem das erste Mal so, dass ich wünschte in der Klinik zu sein. Nicht weil die mir helfen könnten (denn ich wüsste nicht wie), sondern einfach weil ich dann jetzt nicht alleine hier sitzen würde.

In die Klinik möchte ich aber tatsächlich auf gar keinen Fall und in 6 Stunden habe ich zum Glück ja auch Betreuung.

Ich muss noch kurz. Ich mach mal schnell.

Ich schreibe meiner Lieblingsbetreuerin eine Mail und schildere folgendes:

Es geht um den Drang zu meinen Eltern zu fahren. Was wir aber für den Samstag anders geplant haben.

(…) Denn sonst würde ich jetzt wanken und schwanken um dann mit einem plötzlichen Schlag in meinem Hirn, ratzfatz alles einzupacken was ich zu brauchen denke und dann hektisch losfahren und mich erst wieder beruhigen, wenn ich Mia im Arm halte. (…)

Ich muss noch kurz. Ich mach mal schnell.

Vor einiger Zeit habe ich im Radio auf SWR3 einen kurzen Beitrag gehört, in dem es darum ging, dass wir uns selbst unter Druck setzen, uns hetzen und manipulieren, in dem wir immer wieder sagen „ich mache mal kurz den Abwasch“, „kannst du noch schnell den Müll rausbringen?“. Die Pastorin beschrieb, dass uns solcherlei Äußerungen unbewusst scheuchen und uns Stress bereiten. Sie gab Anregungen zu anderem Denken:

„jetzt mache ich noch in Ruhe den Abwasch“, und „ich gehe später noch gemütlich einkaufen“.

Seit ich auf solche Worte achte, kehrt in mir tatsächlich mehr Ruhe ein. Aus einem „ich muss das sofort machen“, wird ein „das mache ich jetzt in aller Ruhe fertig“. Das Verblüffende ist doch, dass wir gar nicht länger für diese Dinge brauchen, es uns aber ein Gefühl der inneren Ruhe schenkt. Zumindest ein bisschen.

so lange du atmest, läuft mehr richtig als falsch

Ich wache auf aus einem bewegenden und verzweifelt machenden Alptraum und fühle mich, wegen des Traums, schlecht und schuldig und bin allgemein fertig mit den Nerven. Der Traum suggeriert mir nur wieder einmal das, was ich ohnehin von mir denke: „ich bin falsch“, „ich stelle mich nur an“, „ich bin ein schlechter Mensch“.

Draußen zwitschern die Vögel!

Zu allem Übel kommt nun auch noch eine Wiederholungsuntersuchung/ ein erneutes Gutachten auf mich zu und ich weiß nur eine Sache, die jetzt noch oben drauf kommen könnte, die mich, neben der „Therapie-Geschichte“ und dem Gutachten, noch mehr in den Abgrund reißen könnte. Alles was jetzt noch fehlt ist ein Hilfeplangespräch. Aber ich ahne es schon, wahrscheinlich steht es schon unten vor der Haustür und wartet nur darauf, dass ich ihm die Türe öffne.

Und merke: es geht immer schlimmer. Man soll das Leben ja nicht unnötig herausfordern.

Trotzdem mag ich meine Sachbearbeiterin.

Meine Lieblingsbetreuerin sagt, dass wir das zusammen schaffen, alles was ansteht und ich bin ihr sehr, sehr dankbar. Eigentlich wollen wir die nächste Therapiesitzung verschieben. Nach hinten raus. Aber durch meinen Alptraum heute Nacht bin ich nur schrecklich angespannt und eingeschüchtert. Bloß nichts Falsches machen mit meiner Therapeutin. „Du musst da hin, Fräulein Voni!“, „andernfalls wird sie sehr sauer auf dich sein!“. Und ich will es nicht, dass irgendwer sauer auf mich ist: schon gar nicht wenn ich diese Person eigentlich gern hab.

Ich frage mich, ob ich „wieder nur“ Schatten sehe und einfach unter Pseudohalluzinationen leide, oder ob hier wirklich etwas herum fliegt. Aber das ist nicht mein größtes Problem gerade. Es wäre nur das Tüpfelchen auf dem „i“. Angesichts des hohen Stress wäre das sogar denkbar. Aber dafür habe ich keinen Kopf. Und so lange ich noch weiß, dass es nur Pseudohalluzinationen sind, ist ja alles noch irgendwie okay.

Draußen schüttet es wie aus Kübeln, dazu starker Wind. Ich habe mein Fenster aufgemacht, mich davor gesetzt und meine Füße auf die Fensterbank gelegt. Sie werden nass und der kalte Wind lässt das Wetter an meinen Füßen wie einen Kühlakku der Natur anfühlen. Herrlich!

Und dann erinnere ich mich eines Spruches, der alle Sorgen abtut und relativiert, auch wenn er etwas salopp ist:

So lange du atmest, läuft mehr richtig als falsch!

Ich versuche mich damit zu beruhigen, was nicht gelingen mag und so denke ich am frühen Morgen schon über meine Bedarfsmedikation nach, bin mir aber sicher, dass ich es noch aushalten möchte.

Wenn ich mich nur wiegen könnte, vielmehr dürfte. Aber Abmachung ist Abmachung. Also halte ich den Deal mit meiner Lieblingsbetreuerin auch ein. Nächster Wiegetermin ist erst der 31. März. Trotzdem arbeitet die Essstörung auf Hochtouren. Aber das ist wiederum ein anderes Thema.

vom Gefühl her hänge ich an der Decke

Auszug aus einer Mail an meine Betreuerin:

Vom Gefühl her hänge ich an der Decke und sehe auf mich herab. Ich sehe, wie erbärmlich ich da sitze. Mit Kaffee zur Rechten, der Wärmflasche auf dem Bauch und den Laptop auf dem Schoß. Im Wohnzimmer. Ab und an streckt der Teil, der da unten sitzt, ein Bein aus. Scheint nicht besonders bequem zu sein, schließe ich daraus. Links liegt der MP3-Player. Unberührt. Ab und an rinnt, in vollkommener Lautlosigkeit, eine stumme Träne meine Wange hinab. Mal versiegt die Quelle und mal schickt sie weitere Soldaten los.

(…) Ich habe Angst vor dem Alleinsein, dabei bin ich ja gar nicht alleine.

Mein Problem ist, dass ich alles vergesse was am Vortag war. Ich weiß, dass wir telefoniert haben, erinnere mich aber nicht über was wir sprachen. Ok, ja: ich weiß gar nichts mehr davon. Ich glaube, dass alle Gespräche und Themen in mir sind und da gut aufgehoben sind, nur hat mein Alltagsich (kann man das so nennen?) keinen guten Zugang dazu. Das macht echt alles ganz verflixt schwierig!!

Am liebsten würde ich einfach im Bett liegen bleiben und es kostete mich ungeheure Kraft überhaupt erst aufzustehen. Mich zu waschen, mir die Zähne zu putzen, meine Arme einzucremen, Kaffee zu kochen, die Scherben von A. wegzufegen und den Restmüll rauszubringen. Während ich die Scherben und den Restmüll weggemacht habe, musste ich weinen. Es war so schwer, (…). Es war so unfassbar schwer.

Ich (…) wollte Sie fragen, ob Sie mir heute auch Tschüss sagen kommen können, das tut mir immer so gut und dann fühle ich mich eingerahmt und genau das ist es, das mir gut tut: ein Rahmen! Und ich bin dann gar nicht mehr so allein!!!

Meine Seele schmerzt so sehr!

Es ist immer noch ein Seelenkater, unter dem ich so schrecklich leide. Ich weine viel und bin tief getroffen, die Augenringe werden groß und färben sich lila und sie schmerzen. Kein Ende in Sicht.

Meine Seele möchte nicht alleine sein. Nicht in solchen Momenten! Und dann kann ich mein Glück nicht fassen, denn ich darf gleich morgen Früh meine Lieblingsbetreuerin sehen. Ich bin dafür so dankbar. Trotzdem bin ich viel alleine, viel auf mich gestellt.

Zum Seelenkater hinzu gehört wohl auch der schlechte Schlaf.

Zudem bin ich unruhig. Wahrscheinlich auch, weil ich mich morgen wiegen darf. Was mache ich wenn ich nicht abgenommen habe?!

Aber jetzt erstmal eins nach dem anderen. Der Seelenkater braucht gute Pflege. Ein paar hundert Gramm mehr oder weniger, fallen da.. „Achtung! Wortspiel“ nicht ins Gewicht.

Ich glaube, dass ich nicht weit weg davon bin zusehen zu müssen wie ich, wie ein Kartenhaus in mir zusammen falle.