wenn alles sein kann und alles sein darf

1. Bericht

Nach meines Morgenspaziergangs und ausgiebigen Wechselduschens hatte ich eine sehr, sehr effektive und aufbauende Betreuungseinheit bei Frau Hoffnung.

Frau Hoffnung und ich haben uns besprochen, und kamen auf einen super Gedanken: „wenn ich mir alles erlaube und alles sein kann und alles sein darf, dann kann mich nichts enttäuschen!“

Ich habe mir desweiteren vorgenommen mich in die Rolle einer Journalistin zu begeben. Nicht als Tochter, Enkeltochter, Schwester oder Nichte durch die Feierlichkeiten zu gehen, sondern als Reporter, der für seinen Bericht einfach Daten und Fakten zu sammeln hat. Meine Berichte will ich euch zugänglich machen, sie hier festhalten.

Um mir das immer und immer wieder in Erinnerung zu rufen, in welcher Rolle ich dieses Weihnachten sein möchte, ist der oben zitierte Satz sowohl auf meinem Laptop, als auch auf meinem Handy zum Hintergrundbild geworden. Es ist nämlich echt schwer ein Journalist zu werden, in einer Welt, in der man sonst so eng aufeinander lebt.

Trotz allem werde ich dadurch nicht kalt werden. Ich werde im Kontakt bleiben. Aber ich werde eben auch eine innere Distanz zu wahren versuchen. Mich nicht zwischen Stühle setzen lassen… und so.

und das soll ein Wohnzimmer sein?

Mitbewohnerin A. kommt morgen aus der Klinik heim und jetzt schon fährt ihr Zeug hier überall herum, das sich in ihren Belastungserprobungen wieder angesammelt hat. Wo bleibt da Raum für mich?

Ich bin ehrlich gesagt schon vorab genervt von ihr und das möchte ich eigentlich nicht. Heißt ich muss an meinem eigenem Gefühl arbeiten, oder? (Wie anstrengend und nervig!). Aber der Gedanke, dass es dann an mir liegt macht mich wiederum wütend. All diesen Ärger nehme ich aber leider in mir auf und letztlich bin ich es, die „nicht klarkommt“. Einfach weil nichts nach außen gelangt.

Na das kann ja was werden ab morgen. Aber es steht für nächste Woche Montag ein 3er Gespräch mit meiner Lieblingsbetreuerin und Mitbewohnerin A. an, indem ich „eingeladen bin“, solche Punkte anzusprechen. Puh. Ich bin jetzt schon aufgeregt. Aber es gibt eine innere Seite, die diese Gelegenheit aber sowas von nutzen will. Einfach mal auf den Tisch hauen.

Meine Lieblingsbetreuerin hat sogar im Hilfeplangespräch gesagt, dass ich ruhig mehr für mich einstehen dürfe und mehr Raum einnehmen darf. Dass Sie das sogar in diesem Gespräch mit der Sachbearbeiterin vom Landratsamt sagte, fand ich sehr magisch und es hat mir echt Mut gemacht. Sehr viel Mut. Und ich werde alle grantigen Anteile einladen sich mal Luft zu verschaffen und die Bombe platzen zu lassen. Aber rücksichtsvoll. Da ist sie wieder… die „soziale Ader“, nur niemanden verärgern. Aber das darf ich mir nicht mehr unterschieben lassen. Ich habe Rechte. Rechte wie jeder andere hier auch, sagt Frau Hoffnung!

Alltagswahnsinn und ein Aluhelm

Ich sitze beim Friseur und bekomme die Haare schön, herrlich. Ich trage einen Aluhelm (ihr wisst schon) und sitze unter der Wärmehaube. So lässt es sich aushalten.

Ansonsten ist heute nichts mehr in der Planung. Ausruhen. Haushalt. Heute ist mein Waschtag in der WG und die WG-Wäsche wartet auch auf mich, dringend.

Wenn mich mein Vater dann heimgefahren hat werde ich das alles angehen. Leider konnte ich gestern nicht selbst fahren, mein Betreuer hat mich zu meinen Eltern gebracht. Ich habe heute Morgen schon die Pferde mit meiner Mutter zusammen versorgt. Voni war wieder charmant und bezaubernd. Ach ich liebe ihn so sehr!

In 23 Minuten von hier nach da

23 Minuten haben mein Betreuer Herr Lustig von der WG bis zu meinen Eltern gebraucht. Er hat mich gefahren, weil meine Augen heute wieder Schwierigkeiten machen.

Jetzt liege ich mit Mia auf dem Sofa. Meine Mum macht sich hübsch, sie geht mit einer Freundin essen. Quatschen, Reden, Genießen… Genau das, was ich meiner Mum so sehr und von Herzen gönne.

In uns herrscht weiter Chaos. Mit dem Betreuer kamen wir zu keinem anderen Gesprächsthema wie seinen Blitzerfotos, er fährt einfach zu schnell *lach*. Na gut, wir hatten es auch noch von Dokus und nicht schmeckenden Xuker-Dinkel-Plätzchen. Er hat immer tolle Tips.

Gleich gehe ich mit Mia spazieren und gönne meinen Kleinen einen Ausflug auf den Spielplatz. Vielleicht hat jemand Lust zu schaukeln oder so.

Meine Betreuerin sagte, dass Fräulein Voni, die alle Fäden zusammenhält, vielleicht auch gerne eine Brille tragen würde. Und tatsächlich habe ich darüber nachgedacht. Es gibt auch Anteile, die wirklich schlecht sehen! Um die muss ich mich aber nochmal extra kümmern.

Inneres Chaos

Um 5:23 Uhr bin ich zu meinem Montagmorgenspaziergang aufgebrochen. Die 10,30 km haben mir total gut getan. Ich starte jetzt ausgeglichen und mit einem klaren Kopf in den Tag (eigentlich). Ich bin quasi jeden Weg in der Siedlung mindestens einmal lang gegangen. Denn im Dunkeln traue ich mich dann doch nicht allein auf die Felder.

Meine Nacht war wenig erholsam, aber das habe ich, Dank meines Spaziergangs, fast schon wieder vergessen.

Nun sitze ich an meinem Schreibtisch, trinke einen Proteinshake, esse Mandarinen und gönne mir zusätzlich noch einen Milchkaffee. Der Tag beginnt ganz gut. Aber auch mit Anspannung.

Die kommenden Tage sind sehr intensiv. Heute Betreuung bei Herrn Lustig, morgen Friseur und am Donnerstag Hilfeplangespräch. Vor allen Terminen bin ich aufgeregt. Und es verlangt mir viel ab, Ruhe ins Innere zu bringen. Kurzum… Es klappt überhaupt nicht. Die Kleinen in mir weinen, die größeren schreien rum. Aber alles zusammen ergibt nur ein dickes Chaos, das ich nicht greifen kann. Und das überschattet auch, dass der Tag eigentlich gut angefangen hat. In mir nur Tumult. Alle wollen sie was sagen. Jeder will etwas äußern. Aber mein Kopf qualmt. Da ist einfach die Kontrolle weg und so handle ich auch für viele aus meinem Umfeld unverständlich. Gerade gelacht, weine ich. Gerade konzentriert, überdrehen plötzlich die Augen. Und so weiter.

Mein Betreuer würde mir sicher helfen können. Und er wird es. Aber er kommt erst in 6 Stunden zu mir. 6 furchtbar lange, einsame Stunden.

Da ich derzeit immer weiter und immer mehr zunehme, tracke ich jetzt mein Essen wieder. Ich bin ja gespannt ob es was bringt. Es sind einfach der Süßkram bei meinen Eltern, das maßlose Stopfen, wenn ich daheim bin und die elende „zwischendurch“ Esserei.

Durch das tracken erhoffe ich mir mehr Kontrolle. Vielleicht kommt dann auch mal raus wer hier wann und was isst. Aktuell esse ich für mehrere. Aber das geht so halt nicht. Da müssen wir schon übereinkommen.

Nach meinem Termin mit meinem Betreuer fahre ich zu meinen Eltern. Übernachte dort und am Dienstagmorgen steht Stalldienst auf dem Programm, ehe wir dann zum Friseur gehen. Dann fahre ich wohl wieder heim. Vielleicht hat aber L. auch Lust noch reiten zu gehen. Der Mittwoch ist mein freier Tag. Da will ich auf jeden Fall zu Voni. Und dann ab in die WG. Donnerstagmorgen ist dann das Hilfeplangespräch.

Ich lege mich jetzt noch etwas hin. Vielleicht hilft mir das ja dabei Zeit zu überbrücken, bis dann mein Betreuer kommt.

Draußen ist es auch schon wieder so kalt geworden, dass Mia ein Mäntelchen trägt.

Wenn das die Bäckereifachverkäuferin wüsste

Wenn das die Bäckereifachangestellte wüsste, dass ihr Käsekuchen, keine 7 Minuten später, nachdem sie ihn mühevoll verpackt hat, schon der Kanalisation zum Opfer gefallen ist?! Daran mag man gar nicht denken.

Der gestrige Tag hatte es in sich. Volle Verwirrung in Raum und Zeit. Wo bin ich? Was mache ich hier und wer ist überhaupt dieses „ich“?

„Rote Mail“ an Frau Hoffnung, aber sie meldete sich nicht. Ich habe bis in die späten Abendstunden gewartet und gehofft.

Ich hatte starken Leidensdruck gestern. Mal sehen wie der heutige Tag wird. Ich bin guter Dinge. Allerdings habe ich jetzt auch noch mal Bedarf genommen. Ich will nicht die komplette Nacht wach liegen.

Doch dann bekam ich Angst vor einem Überhang und habe mich nochmal übergeben. Wahrscheinlich nutzt dies aber nicht viel! Auch wenn es zur Alltagsroutine geworden ist, dieses „Essen rein. Essen raus“.

Wenn ich doch nur endlich abnehmen würde.

7 Minuten vom Bezahlen bis hin zur Toilette. Grandios (nicht!). Auch alles was ich sonst noch gegessen habe blieb nicht drin. Wenn ich heute nicht abgenommen habe – dann weiß ich auch nicht mehr weiter.

Meine Betreuerin hat sich trotz „roter Mail“ nicht mehr bei mir gemeldet. Vielleicht ist sie ärgerlich auf mich. Ich weiß nicht was ich falsch gemacht habe. Oder sie hatte einfach schon Feierabend.

Nun hoffe ich auf einen ruhigeren, weniger „an- noch aus- kotzenden Tag“!

Fräulein Voni im Hundeglück

Gestern habe ich nach dem Stalldienst und dem Reiten von Voni, Mia, unseren Hund, mit in die WG genommen. Sie hat sogar bei mir übernachtet – das war so schön!

Sie war ein bisschen aufgeregt, was dazu führte, dass wir noch drei Spaziergänge gemacht haben anstelle von nur Einem. Wir waren sogar einmal im Dunkeln draußen, was mir einiges an Mut abverlangt hat.

So gut wie in dieser Zeit, in der Mia seit gestern nun bei mir ist, ging es mir schon lange nicht mehr. Wir haben eine tolle Kombination aus Spazieren und ins Bett kuscheln gefunden und es geht uns beiden gut. Mia schläft inzwischen völlig entspannt und auch meine Nacht war so gut wie ewig und drei Tage nicht mehr.

Erstaunlicher Weise habe ich gestern auch drei Mal am Tag eine je normale Mahlzeit zu mir genommen und mich nicht ein einziges Mal übergeben. Ich habe zwischendurch sogar nicht unerheblich viel Süßes genascht, aber es war okay. Es war einfach okay, weil Mia mir Kraft gegeben hat.

Ich war und bin also völlig im Hundeglück und genieße es, dass es mir so gut geht. Ich bin so dankbar für diese Erfahrung! Unglaublich was Mia alles in mir möglich macht!

Für heute stehe ich jetzt vor der Frage, ob ich mit Mia nochmal in der WG bleibe (über eine zweite Nacht), oder ob ich wieder mit ihr zu meinen Eltern fahre.

Es spricht viel dafür hier zu bleiben, einfach um die schwierigen Gefühle der letzten Zeit mit Positivem zu überschreiben. Und es spricht dafür zu meinen Eltern zu fahren, dass ich dann morgens gleich mit in den Stall kann. Ich lasse mir die Entscheidung noch offen. Entscheidungen machen mich gerade aber generell unruhig.

Ich bin erstmal und weiterhin im Hundeglück. Und ich genieße es in vollen Zügen! Es ist doch enorm mit welcher Kraft unsere Tiere auf mich wirken. Es geht mir so gut wie schon lange nicht mehr und ich bin mit Energie aufgewacht und bin ganz entzückt, dass sich Mia auch so wohl bei mir fühlt.

In einem Wort? Wunderschön!

Kein Gefühl für Zeit

Meine Betreuer sind heute leider beide krank, aber Frau Lora kommt extra zu mir und das ist wunderschön. Ich mag sie sehr. Wir werden einen kleinen Spaziergang machen und reden. Sie sagt immer, dass ich auf micht achten soll und mir etwas Gutes tue. Sie ist sehr empathisch und mir sympathisch – und sie sagt, dass sie sich freut mich mal wieder zu sehen. Das macht einem doch ein warmes Herz!

Da ich Bedarf genommen habe, nachdem ich mein Mittagessen ausgereihert hatte, werde ich gerade total müde. Etwas weniger hätte wohl also auch gereicht. Aber ich habe noch kein gutes Gespür dafür, welche Anteile wann vorne sind und welche wenig Bedarf brauchen, andere dafür aber mehr.

Heute habe ich wieder große Zeitlücken. Und alles verschwimmt so in mir. Aber ich glaube, dass ich heute Morgen noch reiten war und es schön fand. Jetzt kommt es mir vor als sei ich schon ewig wieder in der WG (tagelang), was so nicht sein kann, weil ich vorher noch mit meinen Eltern zu Mittag aß. Kein Gefühl für Zeit.

Mal zieht sich die Zeit zäh wie Kaugummi, mal rennt sie so schnell, dass ich nicht mitkomme. Und so insgesamt ist alles irgendwie ein riesen großes Chaos!

Ganz anders. Aber wie?

Und wenn ich dann so da sitze und versuche über mich nachzudenken. Versuche mich zu reflektieren, merke ich, wie weit weg ich von mir selbst bin. Ich sehe mich von außen. Sehe diesen Körper, der meiner sein soll und frage mich nach dem Sinn seiner Existenz. Sicherlich ist er das Körperhaus meiner Anteile, das weiß ich schon. Aber was macht mich aus? Wer ist denn „ich“?!

Ich bin viel traurig in letzter Zeit. Die Anteile wechseln schnell. Häufig. Mal mit einem lauten Rums und mal ganz zart und subtil. Heute empfinde ich unsagbar großen Schmerz. Es fühlt sich an, als würde mir im Innen etwas entrissen und es tut so, so weh – aber ich weiß nicht was es ist, das so schmerzt und pocht. Ich könnte gefühlt einfach losweinen. Aber es geht nicht. Also bleibe ich stumm und starr da sitzen wo ich sitze. Ich fühle mich durcheinander aber Außen ist nur ein kühles, starres Nichts. Ich spüre meine Hände nicht. Aber sie schreiben. Ich fühle mich taub, aber es zerreißt mich beinahe vor Schmerz. Ich kann nicht. Aber ich mache. Ich wär gern Eins. Aber ich bin Viele. Ich wär so gern ganz anders… aber wie?

es fühlt sich verdammt danach an

ich schreibe, weil der Tag klasse angefangen hat und ich so stolz bin, dass ich euch einfach davon berichten muss. Ihr kriegt so viel Schwieriges von mir mit, dass ich euch auch an schönen Ereignissen teilhaben lassen möchte.

Ab 6:53 Uhr habt ihr mich laufend auf den Feldern angetroffen. Ich war allen Ernstes Joggen (nach heute exakt 7 Monaten Pause, das erste Mal). Und ich bin von Anfang bis Ende durchgelaufen. Mein Puls war über die Hälfte der Zeit in Pulsbereich 5 *lach, aber was soll´s. Es hat Spaß gemacht und ich war echt stolz, dass ich sogar die Berge bis hoch zum Wald hochgejoggt bin.

Es waren dann letztlich 5,24 km in 35:28 min – ich weiß, das ist keine Heldenzeit, aber gemacht ist gemacht!

Die Waage zeigt ein Gewicht, womit ich gut umgehen kann. Danach habe ich Wechselduschen gemacht von richtig warm auf so kalt es nur geht und das sicherlich zehn, zwölf Mal im Wechsel. Danach gab es einen Proteinshake (zwei Drittel Milch, ein Drittel Wasser) und jetzt esse ich sogar noch Skyr mit roter Grütze, Chiasamen und Sonnenblumenkernen.

Mein Einkaufszettel sieht sehr gesund und viel ausgewogener aus. Ich habe Lachs mit auf den Zettel geschrieben. Hühnerbrust. Eier. Gemüse. Quark. Schafskäse. Walnusskerne.

Es ist zu früh zu sagen, dass in meinem Kopf etwas Klick gemacht hat. Aber es fühlt sich verdammt danach an.