2,5 mg Tavor

Es ist 6 Uhr morgens und mein Tag beginnt mit 2,5 mg.

2,5 mg Tavor.

Ich hänge in Panik fest, Tränen schütteln mich und ich kann mich nicht beruhigen. Der Tag hat noch nicht einmal richtig angefangen und ist doch schon irgendwie gelaufen!

Gleich fahre ich mit meinen Großeltern zu den Pferden und bis dahin muss ich wieder Fassung beweisen. Ich kann nicht weinend vor ihnen zusammenbrechen… oder Ähnliches.

Eigentlich ist das der Punkt an dem ich sagen dürfte, dass es mir zu viel ist und ob ich Zuhause bleiben kann. Ich glaube es würde niemand „nein“ sagen (habe ich noch nie probiert). Aber damit würde ich mich viel zu sehr zeigen. Würde mein Innen aufmachen. Wär zu verletzlich.

Werfen mich 1,2 kg Gewichtszunahme so aus der Bahn?

Zum Glück habe ich heute noch Betreuung bei meiner Lieblingsbetreuerin! Ich hatte gestern schon unseren Termin vorbereitet, konnte es dann aber nicht ausdrucken und es auch nicht speichern, weil es nicht mein eigener Laptop war. Aber ich werde es wohl irgendwie noch erinnern und zusammenbekommen.

Jetzt gilt es zu Atmen. Ruhiger werden. Nicht im Strudel abwärts versinken, sondern das Beste aus dem Tag heraus zu holen. Und vielleicht tun mir die Pferde ja gleich auch einfach total gut!

Mein Voni

Inneres Chaos

Um 5:23 Uhr bin ich zu meinem Montagmorgenspaziergang aufgebrochen. Die 10,30 km haben mir total gut getan. Ich starte jetzt ausgeglichen und mit einem klaren Kopf in den Tag (eigentlich). Ich bin quasi jeden Weg in der Siedlung mindestens einmal lang gegangen. Denn im Dunkeln traue ich mich dann doch nicht allein auf die Felder.

Meine Nacht war wenig erholsam, aber das habe ich, Dank meines Spaziergangs, fast schon wieder vergessen.

Nun sitze ich an meinem Schreibtisch, trinke einen Proteinshake, esse Mandarinen und gönne mir zusätzlich noch einen Milchkaffee. Der Tag beginnt ganz gut. Aber auch mit Anspannung.

Die kommenden Tage sind sehr intensiv. Heute Betreuung bei Herrn Lustig, morgen Friseur und am Donnerstag Hilfeplangespräch. Vor allen Terminen bin ich aufgeregt. Und es verlangt mir viel ab, Ruhe ins Innere zu bringen. Kurzum… Es klappt überhaupt nicht. Die Kleinen in mir weinen, die größeren schreien rum. Aber alles zusammen ergibt nur ein dickes Chaos, das ich nicht greifen kann. Und das überschattet auch, dass der Tag eigentlich gut angefangen hat. In mir nur Tumult. Alle wollen sie was sagen. Jeder will etwas äußern. Aber mein Kopf qualmt. Da ist einfach die Kontrolle weg und so handle ich auch für viele aus meinem Umfeld unverständlich. Gerade gelacht, weine ich. Gerade konzentriert, überdrehen plötzlich die Augen. Und so weiter.

Mein Betreuer würde mir sicher helfen können. Und er wird es. Aber er kommt erst in 6 Stunden zu mir. 6 furchtbar lange, einsame Stunden.

Da ich derzeit immer weiter und immer mehr zunehme, tracke ich jetzt mein Essen wieder. Ich bin ja gespannt ob es was bringt. Es sind einfach der Süßkram bei meinen Eltern, das maßlose Stopfen, wenn ich daheim bin und die elende „zwischendurch“ Esserei.

Durch das tracken erhoffe ich mir mehr Kontrolle. Vielleicht kommt dann auch mal raus wer hier wann und was isst. Aktuell esse ich für mehrere. Aber das geht so halt nicht. Da müssen wir schon übereinkommen.

Nach meinem Termin mit meinem Betreuer fahre ich zu meinen Eltern. Übernachte dort und am Dienstagmorgen steht Stalldienst auf dem Programm, ehe wir dann zum Friseur gehen. Dann fahre ich wohl wieder heim. Vielleicht hat aber L. auch Lust noch reiten zu gehen. Der Mittwoch ist mein freier Tag. Da will ich auf jeden Fall zu Voni. Und dann ab in die WG. Donnerstagmorgen ist dann das Hilfeplangespräch.

Ich lege mich jetzt noch etwas hin. Vielleicht hilft mir das ja dabei Zeit zu überbrücken, bis dann mein Betreuer kommt.

Draußen ist es auch schon wieder so kalt geworden, dass Mia ein Mäntelchen trägt.

Ganz anders. Aber wie?

Und wenn ich dann so da sitze und versuche über mich nachzudenken. Versuche mich zu reflektieren, merke ich, wie weit weg ich von mir selbst bin. Ich sehe mich von außen. Sehe diesen Körper, der meiner sein soll und frage mich nach dem Sinn seiner Existenz. Sicherlich ist er das Körperhaus meiner Anteile, das weiß ich schon. Aber was macht mich aus? Wer ist denn „ich“?!

Ich bin viel traurig in letzter Zeit. Die Anteile wechseln schnell. Häufig. Mal mit einem lauten Rums und mal ganz zart und subtil. Heute empfinde ich unsagbar großen Schmerz. Es fühlt sich an, als würde mir im Innen etwas entrissen und es tut so, so weh – aber ich weiß nicht was es ist, das so schmerzt und pocht. Ich könnte gefühlt einfach losweinen. Aber es geht nicht. Also bleibe ich stumm und starr da sitzen wo ich sitze. Ich fühle mich durcheinander aber Außen ist nur ein kühles, starres Nichts. Ich spüre meine Hände nicht. Aber sie schreiben. Ich fühle mich taub, aber es zerreißt mich beinahe vor Schmerz. Ich kann nicht. Aber ich mache. Ich wär gern Eins. Aber ich bin Viele. Ich wär so gern ganz anders… aber wie?

es fühlt sich verdammt danach an

ich schreibe, weil der Tag klasse angefangen hat und ich so stolz bin, dass ich euch einfach davon berichten muss. Ihr kriegt so viel Schwieriges von mir mit, dass ich euch auch an schönen Ereignissen teilhaben lassen möchte.

Ab 6:53 Uhr habt ihr mich laufend auf den Feldern angetroffen. Ich war allen Ernstes Joggen (nach heute exakt 7 Monaten Pause, das erste Mal). Und ich bin von Anfang bis Ende durchgelaufen. Mein Puls war über die Hälfte der Zeit in Pulsbereich 5 *lach, aber was soll´s. Es hat Spaß gemacht und ich war echt stolz, dass ich sogar die Berge bis hoch zum Wald hochgejoggt bin.

Es waren dann letztlich 5,24 km in 35:28 min – ich weiß, das ist keine Heldenzeit, aber gemacht ist gemacht!

Die Waage zeigt ein Gewicht, womit ich gut umgehen kann. Danach habe ich Wechselduschen gemacht von richtig warm auf so kalt es nur geht und das sicherlich zehn, zwölf Mal im Wechsel. Danach gab es einen Proteinshake (zwei Drittel Milch, ein Drittel Wasser) und jetzt esse ich sogar noch Skyr mit roter Grütze, Chiasamen und Sonnenblumenkernen.

Mein Einkaufszettel sieht sehr gesund und viel ausgewogener aus. Ich habe Lachs mit auf den Zettel geschrieben. Hühnerbrust. Eier. Gemüse. Quark. Schafskäse. Walnusskerne.

Es ist zu früh zu sagen, dass in meinem Kopf etwas Klick gemacht hat. Aber es fühlt sich verdammt danach an.

als wär ich in der Klinik

Heute ist ein besonderer Tag. Er begann mit Bedarf (inkl. Tavor), ging weiter mit einer guten Betreuungszeit bei meinem Betreuer und war davor, dazwischen und danach immer von dem Lesen eines Buches begleitet, das mich echt abgeholt hat.

Es geht um das Leben in der Psychiatrie und persönliche Erfahrungen und ist wunderbar geschrieben. Zu meiner persönlichen Freude weiß ich, dass der Autor dieses Buches auf der gleichen Station war, wie ich es mehrmals war. Das macht es so nah. Ich fühle sehr mit. Und erkenne alles was er beschreibt wieder.

Ich konnte lange nicht mehr lesen aber jetzt geht es: was für ein Geschenk.

Und dann tauchte auf einmal dieses Heimatgefühl auf… das Gefühl das ich an Psychiatrie-Tagen hatte, an denen ich terminlos in den Tag leben konnte und das Einzige das zu leisten war, war irgendwie durchzuhalten.

So fühle ich mich auch jetzt und kann trotzdem sagen, dass es mir eine gewisse Leichtigkeit bringt, mich zu fühlen als sei ich stationär. Es nimmt Last ab. Es gibt einen klaren Rahmen. Man muss nicht selbst entscheiden wann man was genau isst. Man muss nicht gut drauf sein, kann man. Man muss es nur nicht. Und diese Selbstlüge „du bist gerade in der Klinik“ rettet meine heute sehr schlechte Verfassung.

„Wir alle spielen Theater.“

In der Vorstellung stationär zu sein kann ich mich entspannen. Etwas Verantwortung abgeben und die Sicherheit empfinden, die ich mir selbst nicht geben kann und so lasse ich mir diese (leider nur) Illusion und bleibe bei der Vorstellung ich sei wohlbehütet in der Psychiatrie. Es hilft: und nur darum geht es in diesem Moment gerade.

Dann kommt noch ein Zustand hinzu, der mich ebenso irgendwie wie frei macht: meine Mitbewohnerin C. ist seit gerade und auch über Nacht weg und ich genieße es, weil sie immer alles genau überwacht (ich mag sie aber trotzdem sehr)!

Ich bin jetzt mit meiner Mitbewohnerin S. alleine im Haus. A. ist noch in der Klinik, M. Arbeitet, C. ist wie gesagt unterwegs und so kommt es, dass ich seit Wochen mal wieder unten im Wohnzimmer auf dem Sessel sitze, was ich nur deshalb tue, weil ich die Decke darüber vor wenigen Tagen mal gewaschen habe. Es ist herrlich hier!

Am liebsten würde ich mich ein wenig in die Sonne setzen. Aber mein bislang gesammelter Sonnenbrand spricht sich eher für eine Pause aus. Auf den Balkon komme ich sowieso nicht raus, der Rollladen ist kaputt. Banalitäten.

Meinen Waschtag habe ich fast hinter mir. Das Bett ist, wie jeden Dienstag, frisch bezogen und nur das Abstauben wartet noch auf mich. Vielleicht mache ich das aber auch erst morgen „fuck the system“ und so.

Jetzt schüre ich meine Selbstlüge ich sei in der Klinik. Ich rede mir ein, dass immer jemand da ist, wenn ich jemanden brauche (was nicht stimmt, aber ich wollte mich ja austricksen, also mache ich das auch). Und so lehne ich mich Sessel zurück und atme.

Atme das erste Mal am heutigen Tag einfach nur durch und schicke einen Seufzer hinterher. Es darf so sein wie es gerade ist.

der Tag nickt und sagt „ja, gern“

Wie ich meinen Rollladen hochgezogen und meiner Lieblingsbetreuerin geschrieben habe, schiebe ich den Vorhang zur Seite und frage den bevorstehenden Tag, ob wir uns heute Gutes tun wollen und der Tag nickt und sagt „ja, gerne“. Ich lächle und lasse mir nicht anmerken, dass ich heute Morgen schon zu kämpfen habe.

Die Anteile fordern Redezeit ein, aber ich kann nicht zuhören bei diesem Chaos.

Ich habe schon vieles erledigt, das mich unendlich anstrengt: duschen, Haare pflegen, Fingernägel ordentlich richten. Ich habe meine Narben eingeölt, die Spülmaschine ausgeräumt, Rest- und Rund-Müll rausgebracht und höre nun Radio, während ich meinen zweiten Kaffee schlürfe.

Nachher habe ich Betreuung, kann mir aber kaum vorstellen, wie ich es so lange noch aushalten können soll. Dabei sind es „nur noch“ 2 1/2 Stunden.

Mit meiner Lieblingsbetreuerin habe ich außerdem nochmal einen angepassten Wochenplan erarbeitet und der sieht Tage in der WG vor. So dass ich nicht jeden Tag zu meinen Eltern fahre. Ich finde das gut, weil ich selbständiger werden möchte und mir ein eigenes Leben aufbauen will. Denn so wie es gerade war, bin ich nur auf der Flucht gewesen. Wenn ich daheim war, zog es mich zu meinen Eltern und wenn ich bei meinen Eltern war, zog es mich heim. Das hat immensen inneren Druck zur Folge gehabt. Ziel ist, mir diesen zu nehmen – ihn zumindest zu reduzieren. Und ich bin ja hier, im ambulant betreuten Wohnen, um ein eigenes, freieres Leben zu entwickeln.

Leicht ist das nicht. Aber ich will endlich in der WG ankommen und ich nehme mir diese Chance, wenn ich immer nur wegrenne.

Gestern zum Beispiel war ich mit meiner Mitbewohnerin C. eine mittlere Runde spazieren und das war richtig schön. Wir haben dann noch zusammen Mittag gegessen, ehe ich dann doch noch die Flucht angetreten bin.

Aber den Anfang habe ich schon mal ganz gut hinbekommen. Heute will ich es nun wirklich durchziehen und zuhause im ABW bleiben. Ich fühle mich hier doch so wohl. Aber immer wieder, wenn ich dann mir selbst und meinen Innenpersonen begegne, trete ich die Flucht an und vergesse in dem Moment total, dass ich mich selbst im Groben und Ganzen ja immer mitnehme.

Gut, dass mir diese Erkenntnis gerade kommt.

10 Tage Urlaub – ein Resümee

Da meine Lieblingsbetreuerin 10 Tage in den Urlaub gegangen ist, haben wir beide, noch zuvor, auch für mich eine Urlaubswoche geplant und ausgearbeitet. Das fand ich toll.

Leider war, ab dem Wissen Frau Hoffnung nicht mehr erreichen zu können auch schon die Eskalation nicht mehr weit weg. Und so lautet mein Resümee:

  • Ich habe mich sehr angestrengt
  • Ich war sehr viel häufiger bei meinen Eltern als ausgemacht
  • Ich habe die Tiere besucht, was sehr gut getan hat
  • Ich war sehr viel spazieren (aua, meine Füße)
  • Ich habe immer noch wahnsinnige Sorge wegen des Gutachtens und der Unterlagen
  • Ein Teil meiner Medikamenten ist ausgegangen
  • Ich habe Angst vor der kommenden Therapiesitzung
  • Ich bin froh, dass meine Lieblingsbetreuerin mich begleitet (so dankbar)
  • Ich hatte das Ziel in der Urlaubszeit 1 kg abzunehmen
  • 1,5 kg Abnahme habe ich erreicht, damit bin ich zufrieden (einigermaßen)
  • Ich war sehr angespannt und im maschinenhaften Funktionieren-Modus
  • Habe viele Erinnerungslücken
  • Bin zeitlich und räumlich schlecht orientiert
  • Meine Augen gehen gerade fast täglich nach oben
  • Einmal so sehr, dass ich stehen bleiben musste und meine Mum mich dort abholte, was mir sehr, sehr peinlich war

Und das schönste jetzt, wo Frau Hoffnung wieder da ist?:

  • Ich darf meine Masken wieder zur Seite legen
  • Ich kann wieder die sein, die ich eigentlich bin
  • Ich hoffe, dass ich heute schon mit ihr sprechen kann oder wir uns sogar treffen können

Morgen steht mit der WG ein Ausflug an und am Donnerstag muss ich dann schon zur Therapeutin/ Psychiaterin. Mal sehen wie das alles wird. Von dort bekommen wir noch ein Gutachten, das wir mit an die Pflegekasse schicken und dann wird es wohl auch von dort aus bald zu einem Termin zur Wiederholungsuntersuchung kommen.

Ich hab echt Bammel.

Dass heute aber meine Lieblingsbetreuerin wieder kommt ist mein Highlight des Tages! Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Ich bin so dankbar, glücklich und froh!!!

throwback to 2009 (1)

Den ganzen Tag über war ich verhalten was das Essen angeht und habe letztlich doch keine Mahlzeit ausgelassen. Heute am Abend ging es langsam los.
Ein Eiweißbrot mit Käse, zwei Kekse, ein halbes Fischbrötchen und dann wieder Süßkram und mit einem Schlag wurde mir klar:
“ich werde mich übergeben”. Von da an gab es kein Halten mehr.

Und dann sitzt du im Bad und stopfst die letzten Kekse vor dem Kotzen in dich rein, “weil es ja jetzt eh schon egal ist”, du brauchst das Gefühl die Kontrolle zu haben, während du sie gerade wissentlich verlierst. Du trinkst einen Liter Wasser, isst zwischenrein Kekse. Trinkst. Frisst. Stopfst in dich rein was noch Platz hat. Der Magen ist voll und schmerzt schon leicht, und das obwohl du weißt, dass das hier nicht einmal ein echter, richtig großer Fressflash ist. Und doch fühlt es sich so an und was du in dich hineingezwängt hast, lohnt sich alle mal zu erbrechen.

Dein Bauch ist voll, die ersten Schmerzen machen sich bemerkbar, du stößt noch einige Male auf, dann stimmt das Mageninhalt-, Wasser-, Luft-Verhältnis. Jetzt geht es gleich los.

Du stehst auf, beugst dich über die Porzellanschüssel, steckst deine halbe Hand bis in den Hals in dich hinein und es geht los. Sehr schnell, sehr oft würgst du all das Gefressene heraus – bis du regungslos dastehst. Leer. Im Kopf und im Magen. Außer Magensäure bekommst du nichts mehr aus dir raus.
Du findest alles ekelhaft. Und doch hältst du dein Vorgehen für gerechtfertigt, ja sogar für nötig und notwendig, gänzlich unumgänglich. Die Leere hält noch einen Augenblick an, dann kommt eine immense Traurigkeit in dir auf.
Betäubt und mit Kloß im Hals (weil dir eigentlich nach Heulen zumute ist), wäschst du alles gründlichst und mehrere Dutzend Mal. Du putzt das Klo, und dich umso reinlicher.
Nichts mehr deutet auf den Vorfall gerade hin – du hast alle Spuren beseitigt. Nur eine tiefe Spur bleibt zurück – die Spur deiner Seele.

… und auf einmal weinst du.

Du legst dir deine Tabletten raus, willst Bedarf nehmen und weißt, besser wird es heute nicht mehr. Wenn der Bedarf nicht schnell ausreichend wirkt, wirst du wieder fressen und wieder kotzen. Dann wirst du wieder kurz eine Leere in dir spüren und das Klo putzen und wirst versuchen dich rein zu waschen und du weißt schon jetzt, dass dir das nicht gelingen wird – weil die Reinheit schon jetzt verschwunden ist. Du versuchst dich abzulenken. Aber du hältst nichts aus. Jedes Buch zu lesen, reicht die Aufmerksamkeit nicht aus. Der Fernseher ist dir zu hell, die wechselnden Bilder sind zu viel, der Ton zu laut, selbst auf der niedrigsten Stufe. Musik zersprengt beinahe deinen Körper und du willst einfach nur rennen. Weg von dir selbst. Und doch weißt du nicht, ob du im Dunklen und bei Schneeregen rausgehen sollst und der Schwindel entscheidet für dich: du kannst nicht.

Es ist traurig, aber ich bin gerade gefühlt tausend Meilen zurück gerannt. Und ich fühle mich furchtbar einsam. Die Traurigkeit überwältigt mich und eigentlich müsste ich mich nicht einsam fühlen, weil ich nicht alleine bin und doch ist sie doch so immens und groß.

Ich wünsche mir gehalten zu werden und weiß, dass ich es heute nicht mehr werde.

– Gedanken und Gefühle aus 2009.

vom Gefühl her hänge ich an der Decke

Auszug aus einer Mail an meine Betreuerin:

Vom Gefühl her hänge ich an der Decke und sehe auf mich herab. Ich sehe, wie erbärmlich ich da sitze. Mit Kaffee zur Rechten, der Wärmflasche auf dem Bauch und den Laptop auf dem Schoß. Im Wohnzimmer. Ab und an streckt der Teil, der da unten sitzt, ein Bein aus. Scheint nicht besonders bequem zu sein, schließe ich daraus. Links liegt der MP3-Player. Unberührt. Ab und an rinnt, in vollkommener Lautlosigkeit, eine stumme Träne meine Wange hinab. Mal versiegt die Quelle und mal schickt sie weitere Soldaten los.

(…) Ich habe Angst vor dem Alleinsein, dabei bin ich ja gar nicht alleine.

Mein Problem ist, dass ich alles vergesse was am Vortag war. Ich weiß, dass wir telefoniert haben, erinnere mich aber nicht über was wir sprachen. Ok, ja: ich weiß gar nichts mehr davon. Ich glaube, dass alle Gespräche und Themen in mir sind und da gut aufgehoben sind, nur hat mein Alltagsich (kann man das so nennen?) keinen guten Zugang dazu. Das macht echt alles ganz verflixt schwierig!!

Am liebsten würde ich einfach im Bett liegen bleiben und es kostete mich ungeheure Kraft überhaupt erst aufzustehen. Mich zu waschen, mir die Zähne zu putzen, meine Arme einzucremen, Kaffee zu kochen, die Scherben von A. wegzufegen und den Restmüll rauszubringen. Während ich die Scherben und den Restmüll weggemacht habe, musste ich weinen. Es war so schwer, (…). Es war so unfassbar schwer.

Ich (…) wollte Sie fragen, ob Sie mir heute auch Tschüss sagen kommen können, das tut mir immer so gut und dann fühle ich mich eingerahmt und genau das ist es, das mir gut tut: ein Rahmen! Und ich bin dann gar nicht mehr so allein!!!