Wieder mal übertrieben! Oder?

Heute begann der Tag mit Tavor und Haldol. Das hatte sich gestern so gut bewährt… und ich wollte mir einen weiteren recht guten Tag gönnen. Heute haben die Medikamente in ihrer Gesamtheit aber so reingehauen, dass ich mich unfähig fühlte etwas mit den Pferden zu machen. Dafür war ich mit meiner Mutter mit unserem Hund spazieren. Leider war ich, entgegen meiner Absprache mit meiner Lieblingsbetreuerin und Bedürfniswächterin, wieder dort (bei meinen Eltern). Gut war es trotzdem. Aber ich war total lahm, was bei mir oft damit zusammenhängt welcher meiner Anteile welche Dosis an Medikamenten mitbekommt und überhaupt erst davon weiß.

Wieder daheim, meine Mum hat mich heimgefahren (ich konnte wegen der Augen und wegen der Medikamente nicht selbst fahren), war ich unzufrieden und bin dann noch auf einen Spaziergang losgegangen. Ich war 9,18 km spazieren und es machte mir Freude. Während der ganzen Zeit hörte ich Radio und lächelte entgegenkommende Menschen strahlend an und grüßte sie. Es ist immer so wunderschön, wenn man ein Lächeln zurückbekommt. Wie ein Geschenk. Dabei war mir nicht nach Lachen zumute, und mein Lächeln aufgesetzt, aber das interessierte mich dann nicht: ich will anderen Freude schenken!!

Jedenfalls habe ich es heute, beim Spaziergang, übertrieben. Vielleicht war es zu lang, vielleicht war ich zu rasch unterwegs, vielleicht hätte ich andere Schuhe tragen sollen. Vielleicht sollte ich aber auch endlich meinen Fuß operieren lassen. Aber ich hatte schon lange keine solchen Beschwerden mehr, wie ich sie heute hatte und jetzt noch habe.

Nun kühle ich meine Füße mit Kühlakkus, über meinem beidseitgen Tensolvet-Verband. Wer Pferde hat weiß, dass dies eine medikamentöse Salbe aus der Veterinärmedizin für Pferde ist. Es ist ein Heparin-Natrium-Gel. Anwendbar bei u.a. Prellungen, Sehnenentzündung, Sehnenscheidenentzündung, und anderen akuten, entzündlichen Erkrankungen des Bewegungsapparates beim Pferd. Und es fördert die frühzeitige Resorption von Blutergüssen etc. (…).

Nun hängen schon die zweiten Kühlakkus an meinen Füßen: dieses Mal die Großen.

Jetzt leite ich den Abend ein. Ich habe Hunger. Aber nicht wirklich was zu essen da. Keinerlei Kohlenhydrate. Kein Brot. Keine Nüsse. Keine Schokolade. Meinen Salat habe komplett verzehrt und außer einem Mango Lassi habe ich nichts mehr zur Kombination mit meinem Joghurt da. Aber das ist egal, wenn ich nur morgen wieder spazieren gehen kann. Und wenn ich abgenommen habe. Alles andere halte ich dann schon aus. Vor allem, da ich mich gerade ohnehin schon wieder übergeben habe.

Outpatient – wie ist es eigentlich daheim?

Aktuell komme ich ziemlich gut zurecht. Meine Lieblingsbetreuerin ist im Urlaub für vier Wochen, worunter ich und alle WG-ler irgendwie ziemlich leiden, aber jetzt haben wir schon 2/3 der vier Wochen geschafft, da schaffen wir den Rest auch noch. Meine Strategier dafür? Gefühle wegdrücken. Läuft auch gut.

Ich hatte in der Klinik und in der Fortführung daheim 10 kg zugenommen. Aber seit meinem Juli-Projekt mit meiner besten Freundin habe ich davon jetzt wieder 3,4 kg abgenommen, was ich für knapp 3 Wochen ziemlich gut finde.

Ich gehe, wenn ich aus meiner Lethargie herausfinde, spazieren und mache ab und an Freeletics. Letzteres lasse ich aber ziemlich schleifen. Heute habe ich mich mit meinem Vater zu einem Ausflug verabredet, worauf ich mich schon freue.

Was das Essen angeht kompensiere ich darüber viel. Ich habe jetzt auch wieder ambulante Therapie, wir sehen uns alle zwei Wochen. Das ist super für mich. Auch soll es eine stabilisierende und vorerst keine aufdeckende Therapie werden. Erfreulicher Weise wurde die Langzeittherapie bewilligt.

Es geht mir wirklich ganz gut und ich bin sogar so mutig, dass ich mich morgen mit einer mir bis dato unbekannten Betreuerin treffe. Ich habe auch schlechte Momente. Zum Beispiel brauche ich oft Bedarf und gehe meist gegen 15/ 16 Uhr ins Bett (wirklich!). Aber dafür sind die Morgende gut und ich spare mir so das Abendessen. Natürlich lenkt die Essstörung mal wieder echt gut ab. Aber damit bin ich zufrieden. Und was mein Gesamtempfinden angeht: bin ich glücklich.

Mit meinen Eltern komme ich super aus und manchmal übernachte ich auch dort. Ich bin wieder häufiger im Stall und liebe mein Pferd über alles. Er freut sich immer und wir gehen reiten oder spazieren. Das ist wunderschön.

Ihr seht: es läuft gut für mich und da kann man Tiefschläge und schlechte Tage und Momente auch irgendwie aushalten und überstehen.

Und ich dachte schon die Essstörung wäre weg

Gestern war es dann wieder soweit, ich habe mich übergeben. Selbstinduziert. 3 Mal. Dabei dachte ich schon die Essstörung wäre weg. Ich habe an Blitzheilung geglaubt und hielt mich für gesund, obwohl ich innerhalb einer Woche 3,7 kg zugenommen hatte. Was zu schnell, zu viel ist. Hilft mir jemand das zu verarbeiten? Nein. Und jetzt? Ich habe einen Ohrwurm: „der Speck muss weg! Der Speck muss weg! Der Speck muss weg!“ und so kam es, dass ich heute schon wieder flott auf dem Gang auf und ab lief und in der Küche agitiert um die Tische joggte. Wirklich… in der Küche joggt es sich gut. Auch wenn es irgendwie krank ist. Ich kann nur hoffen, dass mich niemand gesehen hat.

Man mag sich fragen „warum joggt sie nicht draußen?“, das liegt daran, dass ich wenig Ausgang habe, mich alleine nicht raus traue und es wie aus Kübeln schüttet. Meine aktuellen Ziele sind um die 16.000 Schritte am Tag, mindestens 8 Stockwerke überwinden und 3 x eine halbe Stunde Bewegungsaufzeichnung am Stück. Am besten morgens, mittags und noch abends“. Außerdem springe ich Seil.

Meine Zehen sind seit gestern getaped, weil Blasenpflaster nicht mehr reichten. So langsam könnte ich, weil ich so viel laufe, jeden Zeh tapen. Überall Blasen und Schmerzen.

Ich baue jetzt das Krafttraining wieder weiter aus. Bodyweight-Training. Ich merkte die letzten Tage deutlich, dass ich fitter werde (ohne das Erbrechen). Aber wenn ich jetzt wieder in der Essstörung hängen bleibe, dann war es das mit meiner Fitness. Also nehme ich mir vor, dass es bei einem intensiven Zwischenfall bleibt, was die Kotzerei gestern angeht und gehe den heutigen Tag mit Mut und Zuversicht an. Ich brauche einfach nur viele Kalorien zu verbrennen, dann ist es auch drin, dass ich etwas esse.

Kopfschüttelnd sitze ich im Aufenthaltsraum und muss herzlich lachen: und ich dachte wirklich schon die Essstörung wäre so schnell weg! Ein bisschen naiv oder sagen wir lieber „ein wenig viel Optimismus!“, na ja. Neuer Tag, neues Glück! Und jetzt laufe ich wieder auf dem Gang auf und ab. Kalorien verbrennen, na ihr wisst schon.

Bulimie ist teuer!

Bulimie ist teuer. Heute hat sie mich, obwohl ich in der Klinik gefrühstückt und zu Mittag gegessen habe, bereits jetzt, um 16:45 Uhr, 22,60 € gekostet!

Einfach weil ich daheim die Kontrolle über die Essensmenge nicht habe. Und ich kann ruhig dazusagen, dass ich erst seit zwei Stunden daheim bin. Wenn ich 11,30 € in der Stunde verdienen würde, wäre das übrigens ein ganz guter Anfang.

Und dazu kommt ja noch das Kehrpaket von meiner Mum: einfach für zwei Tage daheim in der WG. Den Wert dieser Nahrungsmittel habe ich nicht in meinen 22 € berechnet. Ich bin ja nicht verrückt – OH, HALT! Vielleicht ja doch?

In der Klinik werden immer häufiger die Worte „danach Spezialklinik?“ erwähnt und ich wehre mich entschieden. „Das brauche ich nicht“, „das schaffe ich auch so“, „ich werde mein Gewicht jetzt halten“! Ja, na ja, ist klar. Aber ich fühle mich dahingehend nicht krank. Es ist ja mein Alltag.

Die Psychiatrie will, dass ich bis 53 / 54 kg zunehme, ich will u48. Da werden wir uns nicht einig. Und gerade deshalb strebe ich eine Entlassung an, weil ich mir, was mein Gewicht angeht, nicht viel sagen lassen will bzw. viel mehr kann, weil ich so in meinen Zwängen gefangen bin.  Zu jeder Mahlzeit versuche ich aufrichtig nicht zu erbrechen. Ich esse extra wenig um es ertragen zu können und doch ist es mir zu viel. Und wenn ich dann sicher bin „es“ geschafft zu haben, dann eskaliert es allzu oft doch noch.

Mein Gewicht halte ich seit einigen Wochen zwischen 48 und 49, aber ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich mehr wiegen will.

Wenn ich mich von vorne sehe, finde ich mich „okay bis mollig“, von der Seite bin ich „dünn“ (aber nur manchmal) und mein Bauch ist „überdimensional fett“. Einen solch dicken Bauch wie ich, sollte niemand herumtragen müssen, das geht doch aufs Kreuz.

Nachdem ich mich nun (aus anorektischer Sicht) vollgefressen habe, trinke ich Unmengen an Wasser und weiß ganz sicher, dass ich jetzt zum Porzellangott gehe und Buße tue.

Auf gut Deutsch: ich kotze mir die Seele aus dem Leib und schiebe mir die Hand so lange in den Rachen, bis ich nichts mehr rausbekomme. Dann trinke ich Wasser nach und „spüle“, was so viel heißt wie „ich kotze nochmal nach und würge auch den letzten Rest meiner Spinatpizza nach oben“.

Danach gehe ich wieder in mein Zimmer und treffe auf 2/3 meiner Pizza (weil ich nur zwei Stück von 6 gegessen habe) und einen Berg voller wilder Kartoffeln, die ich zurückgelassen habe. Und was mache ich, erfahrungsgemäß, dann?

Ja richtig. Ich fresse von Neuem, ich kotze von Neuem und dann denke ich vielleicht doch noch mal an die Worte „und danach Spezialklinik?“

übrig nach dem ersten, gefühlten Fressanfall.